Jenseits des Widerspruchs

09.01.2008: Gläubig katholisch. Politisch links.

Fast zweitausend Jahre lang hatte die katholische Kirche Zeit, ihre Grundlagen der christlichen Moral zu festigen. Bis heute erhebt sie Anspruch auf Anerkennung ihrer christlich-abendländischen T radition und sieht sich im neuen Jahrtausend von einer vom Glauben an Gott abfallenden Welt bedroht. Während die katholische Kirche mehr und mehr um die Wertschätzung ihrer gesellschaftlich und kulturell fundierten Errungenschaften ringen muss, drängen weltliche Moralvorstellungen als Produkt der fortschreitenden Zivilisation in die Mitte der Gesellschaft. Kirche ist out, Glaube verstaubt.

Keuschheit statt freier Liebe

Da verwundert es nicht, dass vor allem der katholische Umgang mit Sexualität ins Visier der sich immer wieder neu formierenden, jungen Bewegungen gerät. Dass im "Katechismus der Katholisch- en Kirche" -ein Nachschlagewerk des römisch-katholischen Verständnisses des christlichen Glaubens- das Wort Sexualität insgesamt nur zweimal Erwähnung findet, mag für wenig Überraschung sorgen. Auch die Tatsache, dass der Berufung zur Keuschheit gleich eine ganze Abhandlung gewidmet ist, wird kaum verwundern - gelten doch gerade KatholikInnen als die vielleicht strengsten aller ChristInnen.

Enthaltsamkeit für ein freies Leben

Wer sich jedoch tatsächlich einmal näher mit den Grundfragen des christlichen Glaubens beschäftigt, wird erkennen, dass die katholische Kirche eben keine ausschließliche Gehorsam- keit und Disziplin fordernde Institution, sondern eine zu Menschlichkeit, Frieden und Nächstenliebe aufrufende Gemeinschaft ist. Dies wird auch in den Erläuterungen zur keuschen Le- bensweise im Katechismus deutlich: "Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein." Es bedürfe der freiheitlich getroffenen Entscheidung zur Enthaltsamkeit, um durch die Überwindung seines eigenen Verlangens als selbstbestimmter Mensch in Freiheit leben zu können. Die Wahl einer keuschen Lebensweise stelle gleichzeitig auch eine bewusst gefällte Entscheidung für Gott dar. Denn mit dem Verzicht auf Sexualität, die eine Beherrschung der T riebe darstelle, werde der Mensch frei und könne sich ganz auf Gott ausrichten. "Die Keuschheit erfordert das Erlernen der Selbstbeherrschung, die eine Erziehung zur menschlichen Freiheit ist. Die Alternative ist klar: Entweder kontrolliert mensch seineIhre T riebe und erlangt so den Frieden, oder erSie wird ihr Knecht und somit unglücklich."

Überwindung des Widerspruchs

Während der christliche Gedankenspielraum eingeengt und völlig erstarrt zu sein scheint, hat sich im Laufe vieler gesellschaftspolitischer Veränderungen eine weltliche Parallelmoral entwickelt. Sie weist unentwegt nach vorne, verlangt Fortschritt, Emanzipation und Aufklärung. Damit scheint sie die Kirche spätestens im letzten Jahrhundert komplett abgehängt zu haben. Doch während linkspolitische Bewegungen abfällig über Lebensstile im christlichen Sinn urteilen, verkennen sie die Berechtigung a l t e r n a t i v e r L e b e n s f o r m e n außerhalb des linken Spektrums - nämlich die einer christlich geprägten Kultur. Zur Überwindung des Widerspruchs zwischen einem linkspolitischen und gleichzeitig auf Gott ausgerichteten Leben kommt es letztlich auf jedeN ChristIn allein an. Denn sie/er muss ihren/seinen Weg zwischen Glaube an Gott und Erziehung zur Selbstbestimmung finden. Dabei liegt es im eigenen Entschluss, inwieweit sie/er sich selbst verpflichten und in freier Entscheidung religiösen Moralordnungen unterwerfen möchte.

Sarah Benke, 21, ist junggrüne Neu- Berlinerin und Sprecherin der GJ Brandenburg.

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