Jenseits der Ehe

09.01.2008: Queerforscher Robin Bauer im Gespräch

Während des Gesprächs im Café Gnosa, DEM Lesbischwul Café in HH

[Robin Bauer ist ein nicht-monogam lebender, BDSM praktizierender, queer schwuler T ransmann. Er arbeitet derzeit an seiner Promotion in der Soziologie zu queeren BDSM Praktiken und Communitys. Er unterrichtet Queer Studies an der Universität Hamburg. Darüber hinaus engagiert er sich für das Entwerfen queerer Räume und Politiken. Infos: queersm.gmxhome.de/]

Der IGEL: Die traditionelle heterosexuelle, monogame Beziehung und die Ehe ist die naturgegebene und einzige Form der Liebe. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Stimmt das?

Robin Bauer: (lacht) Das ist tatsächlich der offizielle Diskurs in der deutschen Forschung und in den Medien. Auch im Alltagsdenken vieler Menschen spiegelt sich diese Ansicht oft wieder. Manche versuchen einen solchen Ansatz gar biologisch zu erklären. Allerdings zeigen schon die simpelsten Hollywoodfilme, dass das Quatsch ist: Affären und Eifersuchtsdramen sind Widersprüche zu diesem Bild, die sich auch in der Lebensrealität von vielen von uns finden.

Sind diese Widersprüche denn ein neues Phänomen, oder gab es die schon immer?

Die Geschichte kennt eine Vielfalt an Beziehungsformen und Arten wie Familie gestaltet werden kann. Erst durch die ökonomischen Bedürfnisse im Kapitalismus hat sich die Ehe in ihrer heutigen Form durchgesetzt. Zuerst war diese auch nur für die Besitzschichten. Natürlich kann es auch so etwas wie eine "Liebesehe" geben. Aber Liebe allein erklärt noch nicht die ganzen Gesetze und Zwänge, die mit der formalen Ehe einhergehen.

Die Vielfalt an nichtmonogamen Beziehungsformen, die die Geschichte kennt waren meistens Polygynie. Also ein Mann hatte mehrere Frauen. Ist es dazu nicht ein Fortschritt, dass sich die Ehe, mit gesetzlicher Gleichstellung von Mann und Frau durchgesetzt hat?

Dieser Aspekt taucht heute wieder vermehrt in- Diskussionen als Antiislamistische Argumentation auf. Polygynie war und ist die in den meisten Kulturen praktizierte Beziehungsform. Das es bei uns anders ist, hängt viel mit der ökonomischen, kapitalistischen Entwicklung zusammen. Patriarchal geprägt sind die meisten Ehemodelle; Monogamie garantiert ebensowenig wie Polygamie gleichberechtigte Beziehungen.

Was hat die Ehe mit dem Kapitalismus zu tun?

In der Ehe spiegelt sich oft ein typisch kapitalistisches Denken wieder. Die Frau gehört dem Mann. Das kapitalistische Besitzdenken wird auf Frauen übertragen. Das erklärt vielleicht auch ansatzweise das Phänomen der Eifersucht. Die 68erInnen verstanden deshalb wohl auch ihre polygamen Lebensformen als praktizierte Kapitalismuskritik. Es gibt aber auch die gegenteilige Argumentation, die besagt, dass nicht-monogame Beziehungen aus neoliberaler Sicht, eigentlich viel besser für den Kapitalismus sind. Offene Beziehung, mehrerer PartnerInnen, Fernbeziehung kommen der Wirtschaft, die Flexibilität will, sehr entgegen.

Was ist falsch an dem Ideal der einen einzigen, ewigen, romantischen Liebe?

Ich möchte nicht sagen, dass irgendwelche Gefühle falsch sind, aber Liebe funktioniert nicht über Amtswege. Auch das Ideal dieser romantischen Liebe ist nicht vom Himmel gefallen oder in Stein gemeißelt. Es ist kulturell, gesellschaftlich geprägt und kann sich auch wieder ändern. Deshalb ist es so wichtig, es nicht als natürlich darzustellen. Es ist einfach nicht für jeden gültig, nur weil es gerade der gesellschaftlichen Norm entspricht. Was wir wollen ist aber eine freiere Wahl und nicht eine Norm durch eine andere ersetzen. Wir müssen einfach akzeptieren, dass Menschen nicht alle auf dieselbe Art ticken und deshalb jedem/r, das für ihn/sie beste Beziehungsmodell ermöglichen.

Widerstand gegen die Tradition erscheint aber wie immer schwer: Frauen, die sich daran nicht halten sind Schlampen, Männer patriar- chalische Machos. Was tut die nicht-monogame Bewegung um diesen Vorurteilen zu entgegnen?

Man hat zum Beispiel den Begriff "Polyamory" geschaffen. Die Betonung auf "Liebe", wehrt sich gegen den Vorwurf des reinen hedonistischen Herumvögelns.
Polygynie, Polyamory, BDSM, Nicht-Monogamie. Woher kommt dieses Bedürfnis immer neue Begriffe zu schaffen?

Wir versuchen die Begriffe gezielt zu besetzen, um damit Vorurteilen zu begegnen und verschiedene Formen von zwischenmenschlichen Beziehungen bekannt zu machen und so unsere eigene Praxis darstellbar zu machen.

Widerspricht das nicht dem Queer-Ansatz, mit dem dieses Schubladendenken für Geschlechter und sexuelle Identitäten kritisiert wird?

Klar, mit jedem neuen Begriff schafft man neue Probleme, schließt wieder Leute aus und schafft neue Normen. Doch auf der anderen Seite würde es in dem Moment, wo wir sagen, "wir sind alle gleich, es gibt keine festen Geschlechter" sehr schwer, Macht-strukturen zu benennen. Das ist ja ein Grunddilemma der Queer Theorie. Wenn man sagt, wir sind alle queer, kann man eben nicht mehr darüber reden, dass der eine angemacht wird, wenn er seineN PartnerIn auf der Straße küsst und eine andere Person eben nicht. Ohne Begriffe kommt man nicht aus, wenn man Sachen zu benennen versucht.

In wie weit gehören verschiedene Arten seine Sexualität auszuleben in die öffentliche Debatte und die Politik? Ist das nicht Privatsache?

Es ist nicht so einfach, Sex und Beziehungen nur zur Privatsache zu erklären, weil es eben massiv durch die Politik, die Gesetzgebung reguliert und eingeschränkt wird.

Wie stellst du dir eine öffentliche Debatte vor?

Es ist erstmal nötig, eine breite Diskussion zu führen, was die Ehe ist und was alles damit verbunden ist. Mit dem neu geschaffenen Bewusstsein, könnte mensch vielleicht endlich den ganzen Vorurteilen und Ängsten entgegentreten. Was soll denn so schlimm daran sein, dass zwei Frauen oder zwei Männer oder eine Gruppe Erwachsener ein Kind groß ziehen? Außerdem muss auf jeden Fall weiter geforscht werden, um ein realistischeres Bild alternativer Beziehungsformen zu publizieren. Naja, und dann sollte man die Ehe abschaffen.

Hat CSU Politikerin Gabrielle Pauli mit ihrem Vorschlag die Ehe auf sieben Jahre zu begrenzen den ersten Schritt für eine solche Debatte getan?

(lacht) Es ist insofern eine interessante Initiative, weil es zeigt wie weit die Zweifel an der Einzigartigkeit der Ehe voran geschritten sind. Dass die Utopie nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Allerdings war das wohl einfach nur eine provokative These. Wir sollten ernsthafter an das Thema rangehen. Die Ehe auf diese Art zu reformieren kann keine Lösung sein. Stattdessen sollte die Ehe auf ein religiöses oder sonst wie motiviertes Ritual beschränkt werden, für diejenigen, die das wollen. Rechtlich, ökonomisch gehört die Ehe abgeschafft und stattdessen sollten rechtliche Absicherungen an den realen Bedürfnissen der Menschen orientiert werden: Die größtmögliche Freiheit für die Wahl der Beziehungsform. Auch die eingetragenen Lebenspartnerschaften für Homosexuelle sind kritisch zu sehen: Sie weiten einen Teil der Eheprivilegien nur auf eine weitere kleine Gruppe aus und werden so dem Anspruch auf größtmögliche Freiheit für die Wahl der Beziehungsform nicht gerecht.
Wie reagieren deine wissenschaftlichen KollegInnen auf deine Forschung?

Ich habe mir ein Nischendasein eingerichtet und tausche mich inzwischen wenig mit Leuten aus dem Mainstream aus. Kontakte bestehen eher zu Leuten, die auch in "Randbereichen" forschen. Leider kommt an deutschen Unis kritische Sozialwissenschaft immer mehr aus der Mode. Kritische ForscherInnen werden Op- fer von Verteilungskämpfen. Genugtu- ung gibt mir allerdings das Interesse der StudentInnen: In diesem Semester hatte mein Seminar mit die besten Anmeldezahlen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Christoph Müller, 21, studiert Sozialwissenschaften. Beim Interview begleitete ihn Ole.

Buchempfehlung: Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Méritt, Wöhrmann, Schefzig (Hg.) Orlando Verlag, VK: € 17,50

  • Seite bei Twitter teilen
  • Seite bei Facebook teilen
  • Seite bei StudiVZ teilen
  • Seite bei MySpace teilen
  • Seite bei Mister Wong bookmarken
  • Seite bei del.icio.us bookmarken
  • Seite bei Google bookmarken
  • Seite bei Live bookmarken
  • Seite bei YahooMyWeb bookmarken