Frauenpolitik - ein Artefakt aus dem letzten Jahrhundert?
09.02.2007: Ein Essay von Sarah Benke
Jüngst wurde ein so genannter Comedian beachtlich gefeiert, als er ein Wörterbuch unter dem Titel "Deutsch - Frau, Frau - Deutsch" heraus brachte. Damit das Ganze auch öffentlichkeitswirksam verwertet werden konnte, gab dafür sogar ein großer Verlag, der sich selbst auf gelbe Nachschlagewerke spezialisiert hat, seinen Namen her. Von den Medien in höchsten Tönen gepriesen, ging der Komödiant mit seinem Buch groß und erfolgreich auf Deutschland-Tournee. Wahnsinnig toll, dieser Einfallsreichtum.
Frauen auf dem Weg nach oben
Wie schnell man mit ein paar gängigen Klischees doch bares Geld scheffeln kann. Kein beachtlicher Aufschrei aus der Frauenwelt war die Folge dieser nicht weiter bemerkenswerten Ballung bedeutungsvoll belangloser Bagatellen durch stupide Sandkastenrhetorik. Warum auch. Das Bisschen Niveauverlust tut auch nicht mehr weh. Fragt sich bloß, warum debile Klischeevorstellungen trotz allem immer wieder für einfältige Marketing-Kampagnen herhalten können.
Ist es denn überhaupt möglich, klare Trennungslinien zwischen den Geschlechtern zu ziehen, welche es erlauben, Frauen und Männer konkret zu klassifizieren und ihnen am Raster ausgerichtet bestimmte Verhaltensweisen zuzuschreiben? Ja, wo bleiben sie denn, die lauten Stimmen von damals, die einst für die Gleichberechtigung der verschiedenen Geschlechter kämpften?
Sie kämpfen noch immer.
Und schon wieder. Denn vor allem junge Menschen stellen sich heute neuen Herausforderungen und lassen das Gedankengut der Frauenbewegung der 60er Jahre nicht verblassen. In Frauenvereinigungen, religiösen Interessengemeinschaften, Gewerkschaften und Parteien finden sich zahlreich Menschen, die sich insbesondere für die Rechte der Frauen einsetzen. Institutionalisierte Frauenpolitik lautet das Schlagwort: als von Frauen gemachte Politik wird sie bereits seit längerem eingesetzt, um die Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen.
Doch der Kampf von damals hat sich entschieden gewandelt.
Während engagierte Frauen vor vierzig Jahren noch um existenzielle Grundrechte ringen mussten, setzen sich die Frauen von heute vor allem für die Verbesserung bereits erkämpfter Rechte ein, wenn es zum Beispiel um den Mutterschutz, die Kinderbetreuung durch staatliche Kindertagesstätten und Teilzeitarbeit geht. Des Weiteren stehen die sprachliche Anerkennung der unterschiedlichen Geschlechter durch feministische Sprachkritik, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die rechtlich geschützte Entscheidungsfreiheit bei der Familienplanung im Mittelpunkt der sozialen Frauenbewegung.
Aber auch jetzt noch trifft der Kampf auf lebhaften Widerstand.
So werden politisch und gesellschaftlich engagierte Frauen selbst heute, wo jedeR die Errungenschaften jahrzehntelangen frauenpolitischen Engagements im Alltag entdecken und erleben kann, als rücksichtslose Emanzen diffamiert. Reicht es denn nicht, dass Frauen ständig von Neuem mit sich und ihrem Gewissen vereinbaren müssen, ob jetzt endlich der Punkt gekommen ist, an dem sie entweder mehr Zeit in die Familie oder in den Beruf investieren können? Müssen sie sich dann auch noch die Vorwürfe ihrer Mitmenschen anhören? Hinzu kommt, dass sich diese Frauen nicht nur den nach wie vor überwiegend männlichen Machtstrukturen, sondern ebenfalls auch der Kritik anderer Frauen ausgeliefert sehen, die sich für ein traditionelles Familienmodell mit einer Hausfrauentätigkeit neben der Kindererziehung entschieden haben.
Dabei wird oft übersehen, dass es sich bei frauenpolitischen Themen nicht um Trotzreaktionen oder eine Jetzt-erst-recht-Mentalität, sondern um das elementare Bedürfnis nach Gleichstellung und damit der gleichen Behandlung von Männern und Frauen handelt. Viele Frauen möchten sich auch explizit von einer Bevorteilung ihrer selbst distanzieren und legen deshalb gesteigerten Wert auf eine gerechte Umsetzung und Durchführung bereits etablierter Instrumente, wie zum Beispiel die Einführung einer bewussten Männerpolitik neben der bereits existierenden Frauenpolitik oder der Einberufung von sowohl Frauen- als auch Männerräten bei strittigen Themen.
Es zeigt sich, dass immer noch Handlungs- und Entscheidungsbedarf hinsichtlich geschlechterspezifischer Inhalte in Politik und Gesellschaft besteht. Im Laufe der Entwicklung werden sowohl Frauen als auch Männer stets vor neue Probleme gestellt, die es gilt, in friedlicher und am gemeinsamen Fortschritt orientierter Zusammenarbeit zu lösen.
Dann ist auch ein lächerlicher Rückschuss in Form eines Wörterbuches mit dem Titel "Deutsch - Mann, Mann - Deutsch" nicht mehr nötig...



