Verdorbener Einheitsbrei. Mangel_wa(h)re Eastside Story. Eine Polemik.
13.08.2007: Zum 46. Jahrestag des Mauerbaus karikiert Sarah Benke, politische Geschäftsführerin der GJN, den Prozess der deutschen Wiedervereinigung.
Es gilt, viele Mauern abzubauen.
In den Tagesthemen dient der gescheiterte "Aufbau Ost" als Titelstory im Sommerloch, PolitikerInnen sprechen auf beschämende Weise von der "Last der Wiedervereinigung" und in den Köpfen vieler Westdeutscher existiert noch immer das Bild vom arbeitslosen, tendenziell rechtsextremen Hartz-IV-Empfänger, der im östlichen Teil Deutschlands sein Dasein vor dem heimischen Fernseher fristet. Bittere Realität und nahezu peinliche Klischees über den ostdeutschen Primaten aus der Zone vermengen sich zu einem hochprozentigen Gesöff aus Unwissenheit, Vorurteilen und Missverständnissen.
Geschmacksneutraler Pamps
Mist verstanden haben in den letzten siebzehn Jahren viele. Und Fehler gemacht auch. Aber den verdorbenen Einheitsbrei will heute kaum jemand wieder aufwärmen. Es reicht anscheinend, ihn schön lauwarm zu halten. Die zum geschmacksneutralen Pamps verkommene Wiedervereinigung erlaubt es zudem, aus sicherer Entfernung völlig schamlos angeglotzt zu werden. Die Verdauung des Gesehenen erfolgt auf wunderbar objektive Weise.
Nicht Wenige sprechen derweil von der vollzogenen Einheit Deutschlands. Verzogen wohl eher. Denn vollbracht ist hier leider noch lange nichts. Vielmehr verzieht sich die deutsche Einheit geradewegs zu einer hässlichen Fratze, die selbst jetzt noch als schadenfrohe Grimasse missverstanden werden kann. Nämlich dann, wenn einfältige Klischeevorstellungen und krankhafte Ideologien Einzug in Medien, Köpfe und Parlamente erhalten.
Das verwässerte Gejammer, das deutschlandweit an unser empfindliches Gehör dringt, ist nur der längst vergilbte Rückstand bereits verwaschener Sehnsüchte. Vielleicht, weil wohlhabende Besserverdienende großspurig behaupten, den Kardinalfehler der Wiedervereinigung, die sie bezeichnenderweise Beitritt nennen, in der vorzeitigen Angleichung der Ostgehälter an westliche Standards zu finden. Das hat der Ossi noch nicht gewusst. Denn laut Ifo-Institut liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Ostdeutschland bei 69 Prozent des westdeutschen Durchschnittswertes und die Prognose verspricht Besserung in frühestens 50 Jahren - nämlich dann, wenn viele starke Regionen im Osten das Niveau der schwächeren westdeutschen Länder erreicht haben. Womit das Gejammer östlich der ehemaligen Demarkationslinie seine berechtigte Grundlage hätte.
Gepanschter Wein
Nicht nur der Hauptgang war eine Enttäuschung, auch an reinem Wein mangelte es im postnatalen und frisch getauften Osten des Öfteren. Gepanscht worden ist ordentlich, aber verärgert geredet werden darf darüber heute nicht mehr. Wer sich beschwert, gilt als schlechter Verlierer. Nicht nur PolitikerInnen, auch Wirtschaftsbosse und InvestorInnen haben Menschen durch kurzsichtiges und intransparentes Handeln schlichtweg für dumm verkauft. Milliarden Euro wurden auf diese Weise allein im märkischen Sand Brandenburgs verbuddelt - dank missglückter Großprojekte wie der Rennstrecke EuroSpeedway Lausitz, Luftschiffgesellschaft CargoLifter, Chipfabrik Frankfurt/Oder und dem Großflughafen für Berlin. Wahrlich, blühende Landschaften sehen anders aus. Doch Not macht hin und wieder auch erfinderisch: seit dem Scheitern von CargoLifter, in hoffnungsschwangeren Zeiten als weltweites Vorzeigeunternehmen mit Vorschublorbeeren bedacht, lockt das Tropical Islands, ein tropisches Naherholungserlebnis mit Bademöglichkeit, unter das Dach der größten frei tragenden Halle der Welt. Seither erfreuen sich HauptstadttouristInnen an einem kunstvoll künstlichen Tropenparadies und können gleichzeitig behaupten, den Spreewald besucht zu haben. Mit Tropical Islands ist inmitten verblühter Landschaften zumindest eine viertelwegs wirtschaftliche Oase entstanden.
Bitterer Nachgeschmack
Doch die wirklich bösartige Nachgeburt der Wiedervereinigung ist ein langsam dahin kriechender Prozess, der weder am Bevölkerungswachstum, noch an wirtschaftlichen Bilanzen messbar ist. Die noch immer hervorquillende Plazenta der deutschen Einheit ist der bittere Nachgeschmack des verdorbenen Einheitsbreis. Die Konsequenz aus gegenseitigem Misstrauen. Ein stark verzerrtes Abbild der Realität. Eine Mauer in den Köpfen.



